Lieber „Chante etan“ Interessierte
und Freund,
bestimmt hast Du in diesen Tagen durch die Medien von Isabel
Stadnick und ihrem Buch "Wanna Waki" gehoert oder gelesen. Ansonsten
kannst du dich ueber sie bei "google" informieren. Ich kenne Isabel Stadnick eher oberflaechlich und wie es halt
so geht, durch die Meinung Dritter. Wie auch immer, mir geht
es hier in diesem Newsletter nicht um die Autorin, sondern um
ein Image, mit welchem wieder einmal Profit gemacht wird. Meine
Hoffnung ist, dass es hier wirklich um die "Waldorf"-
Schule geht und diese profitieren kann.
Nichtsdestotrotz, die "Armen Indianer" und die "Boesen
Weissen", ist ein Image welches hier mit der Buchvorstellung,
nebst dem persoenlichen Werdegang von Isabel Stadnick verkauft
wird. Dieses Image ist einer der Hauptgruende warum diese Leute
sich in ihrem Hamsterrad drehen und es schadet der Lakota-Kultur
enorm.
Ja, es stimmt, die Arbeitslosigkeit, der Alkoholismus und all
die negativen Strukturen die daraus erfolgen, sind eine Realitaet
im Pine Ridge Reservat, das ist so.
Was mich irritiert, es macht den Anschein als waeren alle Lakota
Opfer, hilflos, geplagt und geschunden?! Die Lakota waren und
sind stolze Menschen, fleissig, kreativ, sozial, wuerdevoll. "Lakota" heisst
in einem spirituellen Sinne "zu Hause im Herzen",
sich selbst sein. Diese Aussage nimmt Bezug zu einer tiefen
Philosophie und Spiritualitaet, welche im Laufe von Jahrhunderten
hier in den Black Hills Realität war und ist.
Diese Philosophie hat unsere moderne, westliche Demokratie
beeinflusst, wenn nicht sogar initiiert. Europaeische Intellektuelle
wie Franklin und Adams haben 1776 in Zusammenarbeit mit Indigenen
die amerikanische- bzw. unser aller moderne demokratische Verfassung
geschrieben.
Es kann und darf nicht verneint werden, dass die amerikanische
Geschichte, welche auch unsere europaeische Geschichte ist,
voller Gewalt und Genozid war und in dessen Prozess die indigenen
Nationen Nordamerikas fast bis zur Ausrottung zerstoert hat.
Wir leben nun aber 2009 und wenn ich wieder einmal diesen Medienhype
beobachte und zuhoere, koennte man meinen „Wounded Knee“ sei
letztes Jahr passiert und nicht vor 120 Jahren. Das Image vom „Armen
Indianer“ und „Boesen Weissen“ funktioniert
und laesst sich gut vermarkten. Die USA 2009, pumpen Millionen
von Dollars in die Reservate. Wo ist dieses Geld?
Warum kann man nicht auf Positivem bauen!?
Die Lakota mit welchen ich zum Teil bereits seit 20 Jahren
zusammenarbeite im Kultur-Reisen-, und Lakota-Kunstgeschaeft,
sind keine Alkoholiker und Sozialhilfeempfaenger. Es sind traditionelle
Menschen, welche als Kuenstler, Heiler, Bison- und Pferdezuechter,
Lehrer, Anwaelte, Schriftsteller, Philosophen, Biologen, Parkranger,
Musiker, etc. ihre Kultur aufrecht erhalten.
Diese Leute gehen auch in Schwitzhuetten, sind Sonnentaenzer
und sprechen zum Teil ihre Lakota-Sprache fliessend. Natuerlich
leben viele dieser erfolgreichen Lakota nicht im Pine Ridge
Reservat, sondern in den Black Hills, in Rapid City und anderswo.
Aber die Black Hills und all das Land hier ist auch Lakota-Land.
Das ist das Lakota-Land!
So, mein Problem: Alkoholismus und Armut = Lakota ?
Rassismus und deren ganzen haesslichen Problematik ist kein
amerikanisches Phänomen, sondern ein menschliches.
Die USA als politisches System ermoeglicht heute 2009, allen
Minderheiten die gleichen Rechte und Pflichten. Was man daraus
macht, ist jedem selbst ueberlassen. (zum Glueck).
Natuerlich, Rechte und Pflichten werden gedehnt und gedreht
und unterliegen leider oft der Macht des Geldes. Ja, es gibt
hier in South Dakota viel zu tun was den Rassismus angeht,
aber so auch in Zuerich und ueberall auf dieser Welt. Sogar
im Pine Ridge Reservat, wo sich die Vollblut und Halbbluts
gegenseitig fertig machen mit Spruechen, Neid und Schikanen.
Wie sehen die Lebensverhaeltnisse aus in der Bronx in New York,
in den Vorstaedten Chicagos, Los Angeles, Berlins, Kapstadts,
Neapels, San Paulos, etc., sind da auch all die „Boesen
Weissen“ schuld? Schuldzuweisungen sind einfach und geschehen
schnell. Die Frage der „Schuld“ muss sicherlich
komplexer hinterfragt werden.
Ein guter Lakota Freund von mir, welcher 1933 im Pine Ridge
Reservat geboren wurde und dort aufgewachsen ist, hat sich
seinen Lakotawerten bewusst, zu einem Akademiker emporgearbeitet,
zu einer Zeit, als es noch keine Buergerrechte für Minderheiten
in den USA gab und im Appenzell Frauen nicht stimmen durften.
An einer Anhoerung, welche ich organisiert hatte, wurde von
einem Teilnehmer gefragt: "Was kann endlich gemacht werden,
dass dieser Alkoholismus und das ganze Unrecht aufhoert!? Mein
Lakota Freund hat geantwortet: "Aufhoeren zu trinken".
Von den 300 Zuhoerern sind ca. 40 Leute rausgelaufen, weil
sie mit dieser Antwort nicht umgehen konnten.
Um das weiter verstaendlich zu machen, als Beispiel:
Ich arbeitete 6 Jahre als Techniker bei „Greenpeace International“ auf
hoher See (vielleicht sollte ich ein Buch darüber schreiben,
grins), auf verschiedenen Schiffen. Ich habe in diesem Umfeld
so viele Menschen kennengelernt, dass Schlimmste was vielen
von diesen Leuten haette passieren koennen waere: wenn es keine
Umweltverschmutzung mehr gaebe. Ihr Lebenssinn waere dahin,
und so sind wir wieder bei den, "Armen Indianern“ und
den „Boesen Weissen".
Mir geht es nicht darum, diese benachteiligten und kranken
Menschen zu ignorieren. Aber es kann nicht sein, dass bei dem
Medienrummel die wahren Lakota untergehen. In den Lakota-Reservaten
leben auch viele weisse Leute, unter anderem aus Deutschland,
Belgien, Frankreich und jeder hat sein "Wanna Waki".
Ich selbst bin 1987 das erste Mal hierher gekommen und lebe
seit 1994 permanent in den Black Hills, und habe mein Unternehmen "Chante
etan" (von Herzen) gegruendet.
Arbeit und Wuerde ist "Pejuta" sagen die Lakota („gute
Medizin“). Ich bin dankbar, privilegiert, als Schweizer-Amerikaner
und Lakota. Als Geschaeftsmann gratuliere ich Isabel Stadnick
zu ihrem Erfolg und zu ihrer Arbeit.
Persoenlich habe ich den groessten Respekt gegenueber all den
stillen Helden da draussen, im Pine Ridge Reservat und ueberall
auf dieser Welt, die aus den 4 Farben, welche uns die Schoepfung
geschenkt hat, das Beste aus sich machen in der Lakotatradition:
Tapferkeit, Grosszuegigkeit, Fleiss und Bescheidenheit.
Ich danke euch fuer eure Zeit, herzlichst
Charly Juchler, mitaquye oyasin! |